Tier des Monats März: Frühling der Fadenschnecken

Themenjahr "Muscheln und Schnecken"

10.03.2018

In manchen Jahren sind ab März an Muschelbänken im Watt oder angespült am Strand seltsame zottige Tiere zu finden. Sie sind 4 - 10 cm groß und haben eine körperlange Kriechsohle, was sie als Nacktschnecken kennzeichnet. Meist sind die Tiere dicht graubraun punktiert, aber es gibt auch helle und sogar leuchtend gelbe Varianten. Am Kopf der Fadenschnecke sitzen vier Fühler und auf ihrem Rücken viele kräftige Fransen. Diese Zotten enthalten Darmfortsätze, in denen funktionierende Nesselkapseln gespeichert sind, die aus der Nahrung der Großen Fadenschnecke stammen: von Seenelken und anderen Blumentieren.
Die Fadenschnecke kann aus einigen Zentimetern Entfernung ihre Beutetiere wittern. Kriecht sie auf das Nesseltier zu und berührt dabei die brennenden Fangarme, zuckt die Schnecke zunächst zurück. Sie scheint also durchaus den Schmerz der Nesseln zu spüren. Hat die Schnecke mindestens einen Tag lang nichts gefressen und ist somit hungrig, kriecht sie aber sofort wieder vorwärts. Bevorzugt beißt sie in den säulenförmigen Körper des Blumentiers. Dieses versucht seinerseits, sich von der Schnecke weg zu beugen oder sogar seine Unterlage ganz loszulassen und sich der Strömung anzuvertrauen. Es gibt auch Blumentiere, die in hektische Fluchtbewegungen ausbrechen und dabei die beachtliche Geschwindigkeit von 1 - 10 cm pro Stunde erreichen. Dies reicht allerdings nicht aus, um vor der Großen Fadenschnecke zu fliehen. Sie verspeist die Blumentiere ganz oder teilweise und frisst dabei die in Schleim gehüllten und nicht explodierten Nesselzellen mit, um sie in ihren Rückenzotten einzulagern. Von vielen Meeres-Nacktschnecken ist bekannt, dass sie so die Gifte ihrer Beutetiere zum eigenen Schutz nutzen.
Die Große Fadenschnecke ist im Frühjahr erwachsen und laicht auf Muschelbänken in Form spiraliger Eischnüre. Die winzigen Larven schwimmen im Plankton umher und müssen geeignete Muschelbänke mit Seenelken finden, um dort zu einer neuen Schneckengeneration heranzuwachsen. Bis vor kurzem nahm man an, die Große Fadenschnecke sei weltweit ziemlich verbreitet, von Chile bis Kanada. Mittlerweile weiß man aber, dass es sich um mehrere ähnlich aussehende Arten handelt. Schon an den Felsküsten Englands und Frankreichs lebt die ähnliche Gelockte Fadenschnecke, die auf der Stirn ein weißes „V“ trägt. Bei der nordamerikanischen Fadenschnecke stellten Forscher fest, dass in ihren Rückenzotten grüne Einzeller, sie sie mit den gefressenen Nesseltieren aufgenommen hat, weiterhin Photosynthese betreiben. Allerdings pflegt die Schnecke diese „Nützlinge“ offenbar nicht allzu sorgfältig: lässt man die Schnecken zehn Tage hungern, sind danach alle Algenzellen verdaut. Fadenschnecken sind also bis auf Weiteres Raubtiere, keine Kleingärtner mit Algenkulturen auf dem eigenen Rücken.

Beobachtungen der Großen Fadenschnecke sind im Strandfunde-Internetportal BeachExplorer.org hier zu finden.

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