Pantoffelschnecken - Merkwürdige Weichtiere

Nationalpark-Themenjahr "Muscheln & Schnecken"

29.11.2018

Um das Jahr 1900 wurde mit Zuchtaustern aus Amerika ein merkwürdiges Weichtier in das Wattenmeer eingeschleppt, das bald als „Austernpest“ von sich reden machte. Es ist die Pantoffelschnecke, deren Gehäuseform eher an eine halbe Walnussschale als an eine Schnecke erinnert. Die Hälfte der Unterseite ist durch eine Querwand verschlossen, was man aber erst nach dem Tod der Schnecke sieht. Die lebenden Pantoffelschnecken sitzen festgesaugt übereinander und bilden gebogene Türmchen aus bis zu zehn oder mehr Schnecken. Jungtiere, die aus Planktonlarven hervorgegangen sind, kriechen umher und suchen Artgenoss*innen. Finden sie eine, setzen sie sich oben drauf, um hier für den Rest ihres Lebens sesshaft zu werden. Die langsam wachsende Schale passt sich in der Form genau an den Untergrund an.

Ihre Nahrung filtern die Pantoffelschnecken einfach aus dem Wasser, indem sie stündlich etwa einen Viertelliter Meerwasser durch einen feinen Schleimfilter saugen und diesen Schleim mitsamt anhaftendem Plankton auffressen. Da sie auf diese Weise mit den Muscheln, auf denen sie oft sitzen, um das Planktonfutter konkurrieren, sind Pantoffelschnecken auf Austern und Miesmuscheln „eine Pest“. In Frankreich findet man bis zu 9000 der Schnecken pro Quadratmeter! Im Wattenmeer vernichten Eiswinter einen Großteil der Population. 

Sehr ungewöhnlich ist die Fortpflanzung der Pantoffelschnecke: die kleinen oberen Exemplare im Turm sind Männchen, die unteren Exemplare sind Weibchen. Jungtiere ab 15 Millimetern Länge können Sperma produzieren und als Männchen die unter ihnen sitzenden Weibchen befruchten. Sie haben einen langen Penis, mit dem sie die Weibchen erreichen können. Ab drei Zentimetern Schalenlänge wandeln die Männchen ihre Geschlechtsorgane um, was etwa sechs Wochen dauert; danach sind sie für den Rest ihres Lebens Weibchen. Die Produktion von Eiern kostet Kraft und ist nur den großen Exemplaren innerhalb der „Familie“ möglich.

Vaterschaftstests an den Eiern verschiedener Schnecken eines Turms ergaben, dass etwa 15 Prozent der Eier zwei Mütter, aber keinen Vater hatten. Demnach stammte das Sperma für diese Befruchtungen von Männchen, die zur Zeit der Eiablage bereits selbst zu Weibchen geworden waren. Offenbar können Pantoffelschneckenweibchen monatelang Sperma im Körper aufbewahren, um es für spätere Befruchtungen zu verwenden. Eine Spermaspeicherung kommt auch bei einigen anderen Tierarten im Wattenmeer vor, beispielsweise bei Krabben, aber die Geschlechtsumwandlung der Pantoffelschnecke ist ein relativ ungewöhnliches Phänomen. Bei uns Menschen würde man diese Familienverhältnisse als „transsexuelle polygame Homo-Ehe“ bezeichnen. Die Natur hat offenbar keine Vorbehalte gegen unkonventionelle Familienstrukturen.

Im Strandfunde-Internetportal BeachExplorer findet man die Pantoffelschnecke hier. Schaut man sich die Karte der Fundmeldungen an, erkennt man, dass vor Schleswig-Holstein ihre Verbreitung deutlich von Nord nach Süd abnimmt. Ist sie etwa am Strand von Sylt oder Amrum fast überall zu finden, gibt es vor Eiderstedt jedes Jahr nur wenige Funde.

Mehr zum Nationalpark-Themenjahr "Muscheln & Schnecken" gibt es auch hier.

Pantoffelschnecken-Turm: Unten die Weibchen, die mal Männchen waren.

Oben die Männchen, die noch keine Weibchen sind.