Seltener Fund: Blauhai am Sylter Strand

Hintergrundinfos

21.12.2017

Am Abend des 20.12.2017 fanden Strandspaziergänger südlich von Rantum/Sylt einen toten Blauhai am Strand. Sie informierten die Schutzstation Wattenmeer in Hörnum, die das Tier fotografierte, vermaß und den Seehundjäger Diedrichsen informierte. Dieser barg das 2,25 Meter lange Tier und es wurde am 21.12.17  nach Büsum zum Institut für Wildtierökologie (ITAW) transportiert.

Die Sektion ergab verschiedene innere Entzündungen und Blutungen. Der Hai war offenbar in einer schlechten körperlichen Verfassung gewesen und war vermutlich sterbend in die Brandung geraten, wo er im Todeskampf noch viel Sand schluckte.

Rainer Borcherding, Biologe der Schutzstation Wattenmeer mit Hintergrundinformationen über diese Tierart:

Blauhaie bevorzugen Wassertemperaturen von 12 – 21°C, unterhalb von 8°C kommen sie nicht vor. Zum Fundzeitpunkt hatte die Nordsee vor Sylt nur 7° C.

http://www.iccat.int/Documents/CVSP/CV054_2002/no_4/CV054041231.pdf

Die Strandung passt in das Bild der herbstlichen Strandfunde. Im November und Dezember, wenn die Nordsee ungemütlich kalt wird, werden des öfteren exotische Fische aus wärmeren Meeren tot am Strand angespült: Schwertfische, Mondfische, 2016 ein Tunfisch, und nun der Blauhai auf Sylt. Blauhaistrandungen sind allerdings im Wattenmeer ausgesprochen selten. Aus den letzten 20 Jahren ist kein Fall in Schleswig-Holstein dokumentiert.

Der Blauhai hat das größte Verbreitungsgebiet aller Haie; er ist weltweit in den warmen Meeren überall verbreiteter und tritt von Feuerland und Südafrika bis Alaska und Norwegen auf. Er kann drei, früher ausnahmsweise bis vier Meter lang werden, und erreicht die Geschlechtsreife nach sieben Jahren mit etwa 2,20 Metern Länge.

https://s3.amazonaws.com/academia.edu.documents/31649820/Lessa_et_al_2004.pdf?AWSAccessKeyId=AKIAIWOWYYGZ2Y53UL3A&Expires=1513868458&Signature=aSSTQnzyPnsP0%2Bz2KwQ0xQJJ1uc%3D&response-content-disposition=inline%3B%20filename%3DAge_and_growth_of_the_blue_shark_Prionac.pdf

Das Alter von Haien wird anhand von Jahresringen in den Rückenwirbeln ermittelt.

Blauhaie werden heute im Nordatlantik im Schnitt etwa 20 Jahre alt, früher vermutlich auch deutlich älter, als die Ozeane weniger befischt waren.

http://aquaticcommons.org/15152/1/13skomal.pdf

Blauhaie unternehmen riesige Wanderungen durch die Meere – beispielsweise regelmäßig mit dem Golfstrom von Brasilien bis nach Irland. Dies wurde anhand von Flossenmarkierungen nachgewiesen.

In Irland kennzeichnet man bereits seit 1970 geangelte Blauhaie mit Flossenmarken und lässt sie wieder frei. Ein solcher Blauhai wurde 8 Monate nach seiner Markierung fast 7000 km entfernt vor der Küste Ghanas wieder gefangen!

https://www.fisheriesireland.ie/News/blue-shark.html#tagging-results

Ein anderer wanderte innerhalb von knapp drei Jahren fast 30.000 km durch die Meere!

http://journals.plos.org/plosone/article/file?id=10.1371/journal.pone.0103538&type=printable

Dabei hat sich herausgestellt, dass die Blauhaie nicht regellos durch die Ozeane wandern, sondern bestimmte Heimatgebiete haben, die sie regelmäßig aufsuchen und wohin sie nach langen Wanderungen zurückkehren.

Die Nordsee gehört – anders als beispielsweise das Mittelmeer - nicht zum dauerhaften Aufenthaltsgebiet von Blauhaien. Trotzdem schwimmen mit Sicherheit jeden Sommer einzelne Blauhaie in die Nordsee hinein. Sie jagen überwiegend Tintenfische, daneben auch Schwarmfische wie Hering, Makrele und Tunfisch. Pro Tag benötigt ein Blauhai etwa 0,6 % seines Körpergewichts an Nahrung – ein 50 Kilo schwerer Hai wie der von Sylt also etwa 300 Gramm Futter täglich.

http://digitalcommons.uri.edu/dissertations/AAI8811561/

Für den Menschen sind Blauhaie praktisch ungefährlich, solange man sie nicht fängt. Aus einer Zusammenstellung von über 800 Haiangriffen aus vier Jahrhunderten auf Menschen entfallen nur 13 auf den Blauhai, was in Anbetracht seiner Häufigkeit zeigt, dass Menschen nicht in sein Beuteschema passen.

https://www.floridamuseum.ufl.edu/fish/isaf/contributing-factors/species-implicated-attacks

Blauhaie werden in großer Zahl bei der Langleinenfischerei auf Schwertfisch mitgefangen – pro Jahr allein im Nordatlantik etwa 80.000 Tonnen, was etwa einer Million Blauhaie entspricht! Von den gefangenen Haien stirbt etwa ein Drittel durch die Verletzungen und den Stress, die sie beim Fang erleiden.

https://www.researchgate.net/publication/237386523_Bycatch_and_discard_mortality_in_commercially_caught_blue_sharks_Prionace_glauca_assessed_using_archival_satellite_pop-up_tags

Weltweit werden jährlich etwa 20 Millionen Blauhaie gefangen und getötet! Obwohl der Bestand stark gesunken ist wird die Art bislang nur als „demnächst gefährdet“ (near threatened) eingestuft.

http://www.iucnredlist.org/details/39381/0

Die Population im Mittelmeer dagegen, die nur in geringem Austausch mit dem Atlantik steht, ist massiv überfischt und stark gefährdet.

https://peerj.com/articles/4112/

Blauhaifleisch wird wenig gegessen, da es nicht sehr wohlschmeckend ist. Allerdings wird aus der Leber Fischöl gewonnen, und die Flossen sind in Asien heiß begehrt für die geschmacksfreie, aber teuer bezahlte Haifischflossensuppe. Außerdem kursiert der Aberglaube, Haiknorpel könne Krebserkrankungen vorbeugen. Haie leiden anscheinend niemals an Krebserkrankungen. Dass man diese Eigenschaft mit Haiknorpeltabletten schlucken kann, ist aber mehr als albern.

Wer im Handel Schillerlocken, Haifischsteak, Flossensuppe oder andere Haiprodukte sieht, kann sie auf einer Website gegen den Haifang melden und Protestmails an die Anbieter schicken.

http://www.stop-finning.com/haiprodukte-in-deutschland

Seltene Strandfunde aller Art kann man ansehen oder selbst melden auf

www.beachexplorer.org

Blauhaie sind Hochseebewohner. In Schleswig-Holstein ist in den letzten 20 Jahren keine Strandung bekannt geworden.

Das zwei Meter lange Tier war unterernährt und die Sektion ergab verschiedene innere Entzündungen und Blutungen. Aus dem Maul hängt offenbar der Magen heraus. Einige Haie und Rochen können aktiv den Magen ausstülpen, um etwa Unverdauliches wieder abzugeben. In der Brandung hatte das Tier wohl größere Mengen Sand geschluckt und bis zuletzt versucht, diese wieder loszuwerden.